P3 7-8/2024 de

Veganer Druck

The Unusual Print Product

„Soll ich mein Buch jetzt essen?“

Mehrwert statt Nährwert: Es war der 19. März, als ich im Editorial zum wöchentlichen Druckspiegel-Newsletter in gewohnt launiger Manier die Frage zur Sinnhaftigkeit veganer Bücher stellte. Der Kommentar provozierte mehr oder weniger wohlwollend schmunzelnde Reaktionen - auch in den sozialen Medien, wo es umgehend Rückmeldungen gab. Und zwar sachlich. Offenbar ist der vegane Druck also ein Thema.

Der Umgangston zeigt aber auch: In der Druckbranche kann man über nicht ganz alltägliche Themen diskutieren, ohne sich ineinander zu verkanten. Verbeißen geht ohnehin nicht, da es dem veganen Ansatz zuwiderlaufen würde. Im Vierfach-Interview mit Sandra Hartwig (V-Label Deutschland), Moïra Himmelsbach (Der vegane Kinderbuchverlag Next Level), Roland Makulla (oeding print GmbH) und Tobias Spinner (Vegabook - Buchbinderei Spinner) gehen wir der Thematik nun aber ernsthaft auf den Grund!

„Verbraucher achten zunehmend auf tierfreie Produkte.“

Sandra Hartwig, Senior Manager Non-Food, V-Label Deutschland

 

Was genau ist das V-Label und woher kennt man es, Frau Hartwig?

Sandra Hartwig: Wer sich im Einzelhandel umsieht, trifft schnell auf das V-Label: gelb und rund für Veganes, grün und eckig für Vegetarisches. Das Siegel kennzeichnet seit rund 30 Jahren Lebensmittel und mittlerweile auch zahlreiche nicht-essbare Produkte wie Kosmetik, Drogerieartikel, Textilien und seit 2020 Druckerzeugnisse.

Produkte mit dem V-Label richten sich also primär an Vegetarier und Veganer?

Die größte Zielgruppe für Hersteller veganer Produkte sind Flexitarier. Zusammen mit Veganern und Vegetariern machen sie laut Bundesernährungsministerium mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland aus. Flexitarier reduzieren ihren Konsum tierischer Produkte bewusst. Im Lebensmittelsektor kaufen nachweislich weit mehr Menschen vegane Produkte als sich pflanzlich ernähren.

Und wieso jetzt die Kennzeichnung von Druckerzeugnissen?

Der Anstoß kam aus der Branche selbst, das heißt von den Kunden der Druckereien, denn Druckerzeugnisse weisen ihre Inhaltsstoffe nicht aus. Dabei hängen auch Druckerzeugnisse mit unserem Ernährungssystem zusammen: Tierische Bestandteile wie Gelatine in Papier, Schlachtabfälle in Klebstoffen und Glycerin in Druckfarben sind Reststoffe aus der Lebensmittelindustrie. Die Produktion von Fleisch und Milch ist so ressourcenintensiv, dass ihre Reduzierung einer der entscheidendsten Hebel zur Erreichung unserer Nachhaltigkeitsziele ist.

Was genau garantiert uns das Label?

Das V-Label schließt an Tieren getestete Materialien aus, das V-Label „vegan“ schließt außerdem tierische Materialien und Hilfsmittel aus, auch wenn sie im fertigen Produkt nicht mehr nachweisbar sind. Dafür prüft das V-Label-Team alle Produktionsschritte und die verwendeten Roh- und Verarbeitungshilfsstoffe im gesamten Materialportfolio.

 

„Eine neue Generation von Leser:innen: Bewusstsein schafft Veränderung.“

Moïra Himmelsbach, Der vegane Kinderbuchverlag Next Level

 

Was hat Sie bewogen, einen veganen Kinderbuchverlag zu gründen, Frau Himmelsbach?

Moïra Himmelsbach: Viele junge Eltern wünschen sich heute, dass ihre Kinder verstehen, woher Fleisch, Milch und Eier kommen und welche Auswirkungen der Konsum tierischer Produkte hat. Wir Erwachsene sind mit Bauernhofbüchern aufgewachsen, die eine idyllische Welt voller glücklicher Tiere zeigen – Bilder, die wenig mit der Realität zu tun haben. Diese Darstellungen haben vermutlich auch dazu beigetragen, dass wir tierische Produkte als „normal“ und selbstverständlich hingenommen haben.

Doch ist es nicht an der Zeit, genau diese Bilder und die Normalität tierischer Produkte kritisch zu hinterfragen? Unsere Sprache, die Bilder, die wir sehen, und die Geschichten, die wir hören, prägen unser Verständnis von Realität – und genau hier setzen wir mit Next Level an. Wir geben mit unseren Kinderbüchern Denkanstöße und zeigen alternative Perspektiven auf.

Das Besondere an unseren Geschichten ist, dass die Tierfiguren nicht stellvertretend für  Menschen stehen – wie es in vielen anderen Kinderbüchern der Fall ist. Unsere Tierfiguren haben zwar menschliche Züge, doch sie sprechen für sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse und Rechte.

Können Sie das anhand eines Beispiels erklären?

Ein gutes Beispiel ist unser Buch „Tiere backen einen Kuchen“ von D. Gördüm und F. Zobel. In der Geschichte plant die Maus, nach Omas altem Rezept einen Kuchen zu backen. Ganz arglos möchte sie die Kuh, das Huhn und das Schwein nach den Zutaten Milch, Eiern und Gelatine fragen.Doch die Freunde weigern sich, ihr diese zu geben, was eine spannende Abenteuergeschichte rund um das Kuchenbacken entfacht. Mit diesem Buch vermitteln wir nicht nur tierethische Werte, sondern erzählen auch eine unterhaltsame, mitreißende Geschichte. Unsere Bücher sollen Freude bereiten und gleichzeitig zum Nachdenken anregen.

Ein weiteres Beispiel ist unser Kinderkochbuch mit den comicartigen Illustrationen von Daisy Lotta. Es enthält einfache vegane Familienrezepte und macht es zu einem echten Vergnügen, durch die farbenfrohen Seiten zu blättern und sich inspirieren zu lassen.

Das ist nachzuvollziehen, aber warum jetzt vegan drucken?

Als ich vor drei Jahren den Verlag gründete, wurde mir schnell klar: Wenn wir tierethische und vegane Inhalte anbieten, sollten auch unsere Bücher vegan hergestellt sein. So können wir nicht nur Denkanstöße zu den Inhalten geben, sondern auch unsere Leser:innen dafür sensibilisieren, dass die meisten Bücher tierische Bestandteile enthalten. Gleichzeitig bleiben wir unseren eigenen Werten treu.

 

„Für uns ist das ein logischer nächster Schritt.“

Roland Makulla, Head of Sustainability and Certifications, oeding print GmbH

 

Herr Makulla, Sie haben das Thema veganes Drucken mit dem V-Label auf den Weg gebracht. Warum?

Roland Makulla: Wir engagieren uns seit über 15 Jahren für eine nachhaltige Transformation in der Druckbranche. Veganes Drucken war für uns im Grunde ein logischer nächster Schritt und das V-Label als Gütesiegel eine perfekte Ergänzung zu etablierten Umweltlabeln, wie dem Blauen Engel. Der eigentliche Anstoß kam aber von einer kritischen Kundin, die uns fragte, ob wir ihr veganes Kochbuch auch vegan drucken können. Diese Frage hat bei uns eine ziemlich kontroverse Diskussion ausgelöst. Schließlich haben wir uns entschieden, das Thema anzugehen, weil es genauso konsequent und sinnvoll ist, ein veganes Kochbuch vegan zu drucken, wie es konsequent und sinnvoll ist, einen Tesla mit Ökostrom zu laden! Und ehrlich gesagt – es hat uns natürlich auch gereizt, dieses spannende Thema anzupacken.

Und warum gleich mit dem V-Label?

Weil wir schnell erkannt haben, wie komplex das Thema tierische Inhaltsstoffe ist. Uns war klar, dass wir Expertenwissen brauchen, um das Ganze transparent und glaubwürdig umzusetzen. Deshalb haben wir zunächst Peta und das V-Label kontaktiert. Die letztendliche Zusammenarbeit mit dem V-Label war ideal, da das gelb-grüne Label einen hohen Bekanntheitsgrad hat, weltweit etablierte Standards bietet und als vertrauenswürdig gilt. Gleichzeitig wollten wir keine oeding-spezifische Insellösung, sondern einen allgemeinen, verbindlichen Standard. Und das V-Label bietet genau das, inklusive der Strukturen zur Prüfung und Zertifizierung. Das ermöglicht auch anderen Druckereien, sich nach denselben Kriterien zertifizieren zu lassen.

Was war die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung war, unseren Lieferanten und Herstellern klarzumachen, dass es um tierische Inhaltsstoffe in den Endprodukten und um die Hilfsstoffe im Herstellungsprozess geht. Und nicht darum, ob der LKW-Fahrer ein Mettbrötchen gegessen hat und mit fettigen Fingern die Paletten anfasst. Kein Scherz – solche Missverständnisse gab es tatsächlich!

Und was war die größte Überraschung?

Wir hatten tierische Inhaltsstoffe bei Farben und Klebstoffen auf dem Schirm. Dass sie auch bei Papieren ein Thema sein könnten, hat uns überrascht. Der eigentliche Knaller war jedoch der Heftdraht. Das hatte keiner auf dem Schirm. Im Herstellungsprozess des Drahts wird das Metall durch sogenannte Ziehdüsen oder Ziehsteine gezogen, bei denen Ziehmittel zum Einsatz kommen, die beispielsweise Lanolin oder andere tierische Inhaltsstoffe enthalten können. Bingo!

 

„Das fast Unmögliche möglich machen!“

Tobias Spinner, Geschäftsführender Gesellschafter, Vegabook - Buchbinderei Spinner

 

Soll ich mein Buch jetzt essen?

Tobias Spinner: Ist zwar ein interessanter Gedanke, aber: Nein, und darum geht es uns auch nicht. Wir haben mit dem V-Label als Buchbinder ein ganz neues Level der Nachhaltigkeit und Ethik erreichen können. Dazu kamen vermehrt Anfragen über mögliche vegane Fertigungen für den Buchsektor. Soll heißen, für das gebundene Buch in Top-Qualität mit Faden, Leim, Prägung etc..

Vor allem bei dem Thema Leim wird es sehr intensiv, wie wir immer wieder in Gesprächen feststellen dürfen. Der eingeschweißte tierische Knochenleim (Gallert) in seinem Zustand, bevor er in die Maschine kommt, erinnert viele aufgrund des Geruches an einen Knochen für den Hund zum Spielen und Essen. Wenn man weiß, dass einer der Hauptbestandteile des Leimes tierische Knochen sind, welche dann bei der konventionellen Buchfertigung in der Buchdecke landen, wird es dem einen oder anderen Gesprächspartner kurz etwas anders.

Warum seid ihr auf die vegane Buchfertigung gegangen?

Wir brauchen jemanden, der wirklich vegan Bücher binden kann, so wie wir es benötigen. Aber nicht von Hand, sondern Auflagen ab 1.000 Exemplaren mit dem industriellen Maschinenpark. Das war die Anforderung eines Verlages, welcher das Thema für sich als Priorität angesiedelt hat. Diese Vorgabe haben wir uns vor ca. 2–3 Jahren zu Herzen genommen und viel Schweiß, Know-how und auch finanzielle Mittel in die Hand genommen, um das zu erreichen. Ein Buch hat schließlich ca. sieben Verarbeitungsschritte, bis es ein fertiges Buch ist. Da dürfen dann kein Leim, kein Hilfsmaterial und auch sonst keine Produktbestandteile tierischen Ursprungs sein.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die eigene Überzeugung, dass es ein richtiger Weg ist, auf die vegane Fertigung zu gehen. Man muss dazu sagen, dass die industrielle Buchfertigung für Massenproduktionen nicht für einen veganen Weg ausgerichtet ist. Maschine an und los geht leider überhaupt nicht.

Welche Chancen und Vorteile haben eure Kunden mit der veganen Fertigung?

Wir verfolgen hier ethische und nachhaltige Aspekte, und das auf einem ganz neuen Level. Das kann der Besteller/Kunde von veganen Buchproduktionen mit V-Label auch für sich erwarten. Durch den veganen Produktionsweg wollen wir unseren Beitrag mit dem Kunden leisten, auf Massentierhaltung zu verzichten und den CO2-Ausstoß noch deutlicher zu verringern. Wir können trotzdem mit FSC-Logo produzieren, genauso wie mit Recycling-Papieren und vielen weiteren nachhaltigen Aspekten; plus eben das Thema Tierwohl! Es ist zwar ein weiteres Label, aber mit einem ganz neuen „Hebel“ für die Kunden.

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