P3 7-8/2024 de

Diskurs

Good Cop – Bad Cop

The Unusual Print Product

Nehmen wir einmal an – rein hypothetisch, natürlich – ich hätte tatsächlich kein Verständnis für veganen Druck (immer noch nicht). Nehmen wir weiters an, ich hätte gar Vorurteile. Dann wäre ich hier in genau der richtigen, bequemen Position: Als Verfechter des guten alten, christlich-sozialen Buchdrucks spätmittelalterlicher Herkunft. Denn mal ehrlich: Wir brauchen wirklich nicht alles! Vurst, Vekse und Vozzarella – irgendwann muss auch mal Schluss sein! Oder?

Was folgt, ist ein freundschaftlicher (so war es vereinbart) Disput mit keinem geringeren als Roland Makulla, Head of Sustainability and Certifications bei der oeding print GmbH in Braunschweig.

Stefan Breitenfeld: Herr Makulla, in den letzten Monaten hatte ich mehrere Gelegenheiten, andere Menschen auf das Thema Veganer Buchdruck anzusprechen – im Familien- und Freundeskreis, im Flugzeug und in den ewig verspäteten Zügen der Deutschen Bahn. Wohlgemerkt: Die Ansprache erfolgte vollkommen wertneutral. Die Reaktionen gingen zu hundert Prozent in eine Richtung: Steil bergab. Vom verständnislosen „Haben wir wirklich keine anderen Sorgen mehr?“ bis zum Scheibenwischer ohne Reinigungsflüssigkeit. Fehlendes Bewusstsein oder doch einfach fehlendes Bedürfnis?

Roland Makulla (lacht): Lieber Herr Breitenfeld, wir wissen beide, dass wir mit dem Thema vegane Buchproduktion nicht den Massenmarkt, sondern spezielle Zielgruppen ansprechen. Aber gut, ähnliche Reaktionen haben wir beispielsweise von normalen Besuchern auf der Leipziger Buchmesse erlebt. Wenn man die Frage dann jedoch etwas spezifischer formuliert – etwa: „Wäre es nicht konsequent, ein veganes Kochbuch auch vegan zu drucken?“ – und dazu eine Packung Gallertenleim (Knochenleim) öffnet, der in der industriellen Buchproduktion zum Aufbringen des Bezugs auf die Buchdecke verwendet wird, könnten die Antworten vermutlich etwas anders ausfallen.

Stefan Breitenfeld: Auf die „normalen Besucher“ in Leipzig steige ich nicht ein – das riecht mir zu sehr nach Falle. Aber apropos Riechen: Frisch gepresster Knochenleim (Anm. d. Red.: Ja, ich weiß.) ist sicher alles andere als eine olfaktorische Offenbarung. Dennoch: Meine Bücherregale beinhalten über 800 Bücher, ohne dass es hier nach Beinhaus riecht – im Gegenteil. Und die Gerichte aus nicht vegan gedruckten Kochbüchern schmecken um keinen Deut schlechter. Um im Jargon zu bleiben: Diese Suppe ist mir noch etwas zu dünn. Welche „spezielle Zielgruppe“ spricht denn auf solche Holzkeulen-Argumentation an?

Roland Makulla: Spüre ich hier eine gewisse spätmittelalterliche Sturheit, anzuerkennen, dass sich die Welt verändert hat und es durchaus Menschen gibt, die aus Überzeugung tierische Produkte meiden – sei es bei Lebensmitteln, Kosmetik, Kleidung usw.? Das ist derzeit unsere Zielgruppe, und hier spielt „Konsequenz“ durchaus eine Rolle.

In unserem Kundenportfolio gehören dazu vor allem Verlage. Übrigens: Wir missionieren keineswegs mit der Holzkeule. Interessenten kommen überwiegend von selbst auf uns zu, weil sie gezielt nach entsprechenden Alternativen für ihre Printprodukte suchen. Auf unserer Website finden Sie dazu einen Blog mit einigen Beispielen: https://www.oeding-print.de/produktbeispiele-vegan-drucken/.

Stefan Breitenfeld: Aha – jetzt wird scharf geschossen. „Spätmittelalterliche Sturheit“ suggeriert natürlich immer einen latenten Mangel an Bildung und Aufgeklärtheit. In diesem Eck mag ich nicht verweilen. Gut. Wir haben also eine Zielgruppe. Nun sind Verlage nicht dafür bekannt, untätig die Hände in den Schoß zu legen und auf Kundschaft zu warten. Bleibt daher die Frage, ob diese Marktnische echt ist. Anders gefragt: Bedient das Angebot an veganen Druckerzeugnissen mehr als nur ein durch geschicktes Marketing künstlich erzeugtes Bedürfnis? Oder sprechen wir von einem Trend, der ein Ablaufdatum haben könnte? Ich stelle diese Frage auch mit Blick auf die Kostenstruktur. Kann veganer (Buch-)Druck mit konventionellen Verfahren konkurrieren? Vegane Erzeugnisse spielen im Handel ja gerne mal in einer anderen Preisklasse …

Roland Makulla: Ich meinte spätmittelalterlich in Bezug auf den Buchdruck und nicht auf den IQ (lacht).

Bezüglich der Kosten müssen wir zwischen den Produktgruppen unterscheiden. Unsere Produktion ist bei den eingesetzten Materialien so weit standardisiert, dass alle standardmäßig verwendeten Druck- und Hilfsmittel die Kriterien des V-Labels und des Blauen Engels erfüllen. Damit entscheidet allein die Papierwahl, welches Label wir auf Wunsch aufdrucken können. Diese Standardisierung erstreckt sich auch auf die externe Weiterverarbeitung, etwa für Fadenheftung und Klebebindung. Produktionstechnisch entstehen für vegane Druckprodukte in diesen Produktgruppen keine Mehrkosten.

Anders ist es aktuell noch bei der Buchproduktion: Hier müssen die Weiterverarbeiter für die Buchdecke spezielle Klebstoffe verwenden. Dafür fallen zusätzliche Rüstzeiten an, und die Verarbeitungsgeschwindigkeit ist insgesamt langsamer als bei der Nutzung von Gallertenklebstoffen. Das schlägt sich preislich bei Büchern deutlich nieder.

Zudem entstehen beim V-Label wie üblich Gebühren für Prüfungen und die Lizenznutzung. Diese Kosten sind jedoch überschaubar und verursachen, auf die Aufträge umgelegt, lediglich marginale Mehrkosten.

Der Impuls, vegane Druckprodukte anzubieten, kam übrigens aus dem Markt. Vor etwa fünf Jahren hat uns die wachsende Nachfrage dazu bewogen, in dieses Thema einzusteigen und gemeinsam mit dem V-Label einen neuen Branchenstandard zu entwickeln. Inzwischen sind bereits mehrere Druckereien zertifiziert, und mit der Buchbinderei Spinner gibt es auch den ersten zertifizierten Weiterverarbeiter. Ob es sich dabei nur um einen Trend handelt, müssen wir ehrlicherweise abwarten. Aktuell leisten wir alle noch Pionierarbeit mit den damit verbundenen Herausforderungen.

Stefan Breitenfeld: Das heißt letztlich – und ich will diese Hypothese überhaupt nicht provokativ verstanden wissen – Sie würden sich mehr Mitbewerb wünschen? Mehr Anbieter bedeuten mehr Investitionen in Verfahrens- und Prozesstechnik sowie eine bessere Verhandlungsposition, wenn es um Zulieferprodukte (Stichwort Klebstoffe) geht. Mehr Markt führt zu fallenden Preisen – falls das konventionelle marktwirtschaftliche Modell heute überhaupt noch anwendbar ist. Ist ein solches Marktwachstum realistisch oder fährt der vegane (Buch-)Druck erstmal noch ein Stück weit auf Risiko?

Roland Makulla: Genau aus diesem Grund haben wir gemeinsam mit dem V-Label einen allgemeingültigen und offenen Branchenstandard für vegane Druckprodukte entwickelt und andere Druckereien aktiv bei ihrer Zertifizierung unterstützt, um das Thema stärker am Markt zu etablieren. Denn obwohl es inzwischen bei den meisten Druck- und Hilfsmitteln Produkte ohne tierische Inhaltsstoffe gibt, stoßen wir beispielsweise beim Thema Heftdraht an Grenzen: Mit den aktuellen Herstellungsverfahren ist Heftdraht nicht vegan. Das bedeutet, dass wir derzeit keine Rückendrahtheftung mit dem V-Label anbieten können – und dadurch geht viel Potenzial im Bereich Broschüren und Magazine verloren. Je mehr Druckereien zertifiziert werden, desto größer wird die Nachfrage nach veganem Heftdraht – und damit steigt der Anreiz für Hersteller, alternative Ziehmittel bei der Produktion einzusetzen. Und natürlich bedeutet Innovation immer auch ein gewisses Risiko. Dieses Risiko war uns von Anfang an bewusst und wurde entsprechend eingeplant. Eine vergleichbare Entwicklung gab es übrigens nach der Einführung des Blauen Engels für Druckprodukte (DE-UZ 195): Auch hier hat die wachsende Nachfrage letztendlich dazu geführt, dass viele Hersteller ihre Produkte an die Vorgaben des Blauen Engels angepasst und bei den erforderlichen Nachweisen kooperiert haben.

Stefan Breitenfeld: Ich halte das für ein gutes Schlusswort - und bin bekehrt genug, auch künftig an dem Thema dranzubleiben - denn ein Thema ist es auf jeden Fall. Bitte löschen Sie meinen Scheiterhaufen, nachdem ich Ihre Handschellen geöffnet habe. Danke!

Roland Makulla: Ich finde Ihren (druck)schwarzen Humor einfach klasse, bedanke mich herzlich für den spannenden Austausch und wünsche Ihnen und Ihren Lieben frohe Festtage – mit Vürstelsuppe oder Tofu-Gansl!

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