P3 - NEWS

(23.07.2026 / sbr)

Der Sanierungsstau im Gewerbe ist kein Technik-, sondern ein Entscheidungsproblem

In vielen Gewerbeimmobilien zeigt sich der Modernisierungsbedarf nicht plötzlich, sondern Schritt für Schritt: steigende Energiekosten, häufigere Störungen, wachsende ESG-Anforderungen und technische Anlagen, die längst nicht mehr zum tatsächlichen Betrieb passen. Wer Budget, Zuständigkeiten und Förderchancen dann zu spät klärt, zahlt jeden Monat weiter für veraltete Anlagen, hohe Energieverbräuche und wachsende Unsicherheit.

„Jede nicht getroffene Entscheidung läuft mit: in Form hoher Energiekosten, ineffizienter Technik und wachsender Investitionsrisiken“, weiß Marcel Riethmüller, Geschäftsführer der ecogreen GmbH & Co. KG sowie Experte für Fördermittel. In vielen gewerblichen Gebäuden arbeiten veraltete Beleuchtung, ineffiziente Kühltechnik, falsch eingestellte Lüftungsanlagen, überholte Heizsysteme oder unpräzise Steuerung weiter, obwohl passende Lösungen längst vorliegen. Trotzdem kommen viele Projekte nicht vom Fleck. Sie scheitern nicht an fehlender Technik, sondern an vertagten Entscheidungen.

Wenn Nichtstun zur Investition in alte Probleme wird

Der Grund liegt häufig nicht im Maschinenraum, sondern im Besprechungsraum. Budgets fehlen, Verantwortlichkeiten verschwimmen und Fördermöglichkeiten geraten zu spät in den Blick. Ein Marktreport aus dem Jahre 2025 liefert dazu den passenden Rahmen. Im Gebäudesektor fließt rund ein Drittel der gesamten Energie in Deutschland.1 Gleichzeitig rutschte die energetische Sanierungsquote 2024 auf nur noch 0,69 Prozent.2 Für die Klimaziele nennt die Leitstudie dagegen einen Zielwert von 1,9 Prozent.3 „Die Lücke zeigt klar, dass der Sanierungsstau weniger neue Technik als bessere Entscheidungen verlangt“, so der Experte. Auch der aktuelle Gebäudereport 2026 schärft diesen Befund für Nichtwohngebäude weiter. Der Endenergieverbrauch für Raumwärme und Warmwasser in Nichtwohngebäuden betrug 2024 rund 214,1 TWh. Seit 2013 entspricht das einem Rückgang von 23 Prozent.4 Der Verbrauch sinkt also, doch das Tempo reicht für viele Bestände nicht aus, wenn Investitionen aus Unsicherheit weiter liegen bleiben.

Die Zahlen verschärfen den Handlungsdruck

Gerade gewerbliche Bestandsgebäude geraten unter Druck. Nichtwohngebäude verteuerten sich zwischen 2021 und 2024 um 32 Prozent.5 Damit wächst die Scheu vor Investitionen, obwohl alte Anlagen jeden Monat unnötige Kosten verursachen. Auch ein Blick auf die Gebäudehülle zeigt den Stillstand. Die Sanierungsquote lag 2024 bei Fenstern nur bei 1,19 Prozent, bei Dächern bei 0,74 Prozent und bei Fassaden bei 0,50 Prozent.6 Wer auf den perfekten Großumbau wartet, verliert Zeit, Geld und Planungssicherheit. Hinzu kommt ein deutlicher Förderknick. Seit 2019 gingen rund 5.800 Förderanträge für die Sanierung von Nichtwohngebäuden ein.7 Rund 2.200 Anträge entfielen allein auf das Jahr 2022. 2025 lag das Antragsniveau fünf Prozent unter dem Vorjahr und sogar 67 Prozent unter dem Wert von 2022.8 Riethmüller hält fest: „Diese Entwicklung passt zum Entscheidungsproblem in der Praxis: Fördermöglichkeiten existieren, doch Unsicherheit, Aufwand und fehlende Projektstruktur bremsen den Einstieg.“

Typische Blockaden in der Praxis

Viele Projekte scheitern nicht an fehlender Wirtschaftlichkeit, sondern an ungeklärten Fragen:

  1. Budget ohne Gesamtbild: Investitionskosten dominieren die Diskussion, während Einsparungen, Fördermittel und geringere Betriebskosten zu spät einfließen.
  2. Unsicherheit über Prioritäten: Ohne belastbare Verbrauchsanalyse bleibt unklar, welche Maßnahme den größten Effekt bringt. Dann verschieben Unternehmen lieber alles, statt gezielt zu starten.
  3. Unklare Zuständigkeiten: Eigentümer, Betreiber, Mieter, Facility Management und externe Dienstleister verfolgen unterschiedliche Ziele. Ohne Koordination verliert jedes Projekt Tempo.

Struktur schafft Entscheidungssicherheit

Ein tragfähiger Einstieg beginnt nicht mit der Suche nach dem größten Fördertopf, sondern mit einer nüchternen Bestandsaufnahme: Wo entstehen die höchsten Energieverluste? Welche Anlagen laufen dauerhaft? Gibt es Teilflächen, die sich für einen ersten Schritt eignen? Und lässt sich eine Maßnahme mit dem nächsten Mieterwechsel, Umbau oder Wartungsfenster verbinden? „Danach folgt die wirtschaftliche Bewertung, denn Fördermittel können Projekte deutlich anders aussehen lassen“, erklärt der erfahrene Fördermittelexperte. So aktiviert bei BEG-Einzelmaßnahmen jeder eingesetzte Förder-Euro im Schnitt vier Euro zusätzliche Investitionen.9 Das macht aus einer verschobenen Ausgabe oft einen planbaren Modernisierungsschritt.

Vom Sanierungsstau zur Modernisierungsstrategie

Gewerbliche Sanierung braucht keinen perfekten Startpunkt. Sie braucht einen klaren Einstieg. Technische Einzelmaßnahmen, Teilflächenkonzepte und Fördermittel reduzieren Komplexität, wenn ein strukturierter Plan dahintersteht. Riethmüller verdeutlicht: „Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wann startet die große Komplettsanierung? Sondern: Welche Maßnahme senkt die Kosten spürbar, passt zum Betrieb und schafft belastbare Erfahrungswerte für den nächsten Schritt?“ So entsteht aus einem lähmenden Sanierungsstau eine machbare Modernisierungsstrategie. Nicht maximal groß gedacht, sondern klug begonnen.

1 https://www.dena.de/fileadmin/Buendnis_Gebaeudewende/Dokumente/BGW_Marktreport_2025_web.pdf

2 Ebd.

3 Ebd.

4 https://www.dena.de/fileadmin/dena/Publikationen/PDFs/2026/GR_Update_April26.pdf

5 Ebd.

6 https://www.dena.de/fileadmin/Buendnis_Gebaeudewende/Dokumente/BGW_Marktreport_2025_web.pdf

7 https://www.gebaeudeforum.de/wissen/zahlen-daten/gebaeudereport-2026/

8 https://www.dena.de/fileadmin/dena/Publikationen/PDFs/2026/GR_Update_April26.pdf

9 https://www.dena.de/fileadmin/Buendnis_Gebaeudewende/Dokumente/BGW_Marktreport_2025_web.pdf