Mit schlanker Flaschenform und unverkennbarer Umverpackung hat sich Klosterfrau Melissengeist als bekannte Marke etabliert und seit über 100 Jahren nahezu nichts an seinem Markenauftritt verändert. Grund genug für das Deutsche-Verpackungsmuseum, die starke Markenleistung zu würdigen: Beim 29. Deutschen Verpackungsdialog am 29. Oktober in Heidelberg verlieh das Museum die Auszeichnung „Verpackung des Jahres 2026“ an den „Klosterfrau Melissengeist“. Kirstin Buchmann, Vice President Retail Division Germany bei der Klosterfrau Group, nahm die Auszeichnung von Museumsleiter Hans-Georg Böcher entgegen.
Abbildung: Klosterfrau Group
„Die Jury ist von der Qualität und dem Mut zur Weiterführung des historischen Markendesigns von ‚Klosterfrau Melissengeist‘ überzeugt“, begründet Hans-Georg Böcher die Entscheidung. „Die schlanke Glasflasche, die noch an die ersten Phiolen erinnert, und die traditionelle Etikettierung mit dem preußischen Wappen haben die ikonische Marke schon in ihren frühesten Anfängen geprägt.“ Allenfalls in Nuancen und unter sehr behutsamer Führung habe sich die Marke weiterentwickelt, die auf die Idee einer deutschen Annunziatinnen-Nonne im frühen 19. Jahrhundert zurückgeht. „Beeindruckend ist die beständige Gültigkeit der Formensprache, die ohne Kompromisse weiter zum Einsatz kommt. In Würdigung ihrer Rolle als ‚Klassiker‘ des internationalen Verpackungsdesigns und als Anerkennung für den bewiesenen Mut zur Selbstähnlichkeit verleihen wir Klosterfrau Melissengeist im 200. Jubiläumsjahr die diesjährige Auszeichnung ‚Verpackung des Jahres‘“.
Zwei Jahrhunderte Markentreue
Vor genau 200 Jahren wurde die Nonne Maria Clementine Martin (1775-1843) zu einer der ersten Firmengründerinnen der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Das von ihr 1826 am Fuße des Kölner Doms ins Leben gerufene Unternehmen „Maria Clementine Martin Klosterfrau“ besteht als „Klosterfrau Group“ bis heute und beschäftigt mittlerweile 1.500 Mitarbeitende. Das Kernprodukt der heilkundigen Nonne, der legendäre „Melissengeist“, wird bis heute in einem weitestgehend unveränderten Design angeboten.
Die Marke geht auf eine bemerkenswerte Persönlichkeit zurück. Maria Clementine Martin (1775-1843) wurde von der heilkundigen Nonne zur Krankenschwester und später zur erfolgreichen Unternehmerin im Heilkundebereich. Geboren am 5. Mai 1775, trat sie 1792 ins Kloster Sankt Anna in Coesfeld ein, das dem Schwesterorden der Annunziatinnen gehörte. Hier widmete sie sich der Krankenpflege und entdeckte ihre Leidenschaft für die Heilpflanzenkunde. Sie perfektionierte alte Rezepturen und reiste im Auftrag ihres Ordens zu anderen Klöstern, um ihre heilkundlichen Fähigkeiten einzusetzen und weiterzugeben. Ihre Expertise führte sie auch in ihre Geburtsstadt Brüssel, wo sie das berühmte „ächte Carmeliter- oder Melissenwasser“ herstellte, dessen Rezeptur sie hütete.
Von der Nonne zur Unternehmerin
Die Säkularisation setzte ihrer klösterlichen Laufbahn ein zunächst ungewolltes Ende. Viele Klöster mussten ihren Besitz an den Staat abgeben. Das Annunziatinnenkloster wurde im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses 1803 aufgelöst und ab 1814 als Schulgebäude genutzt. Als alleinstehende Frau stand Maria Clementine Martin plötzlich vor der Herausforderung, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Ein historisches Ereignis von weltweiter Bedeutung sollte ihr Leben bald entscheidend prägen: die Schlacht bei Waterloo 1815. Inmitten des Schlachtfeldes pflegte sie verwundete Soldaten beider Seiten und bewies dabei außergewöhnlichen Mut. Ihr umfassendes Wissen über Heilpflanzen kam den Verletzten zugute. König Friedrich Wilhelm III. ehrte ihren selbstlosen Einsatz nicht nur mit höchster Anerkennung, sondern gewährte ihr auch eine jährliche Rente von 160 Goldtalern – eine eher bescheidene Summe, die ihr den Weg in die Selbstständigkeit ebnen sollte.
Von 1821 bis 1825 lebte sie wieder als Nonne im Domkapitel in Münster. Mit ihrer kleinen Rente wagte Maria Clementine Martin 1826 den Schritt in die Unternehmerschaft. Am Fuße des Kölner Doms gründete sie ihren eigenen Herstellungsbetrieb und ließ ihn unter dem Namen „Maria Clementine Martin Klosterfrau" ins Magistratsregister der Stadt Köln eintragen. In ihrer neuen Rolle bewies sie nicht nur medizinisches, sondern auch unternehmerisches Geschick. Um sich gegen damals übliche Produktpiraterien zu schützen, entwickelte sie eine geniale Marketingstrategie: Sie bat König Friedrich Wilhelm III. um die Erlaubnis, das preußische Wappen auf ihren Produktetiketten zu verwenden. Als ihr diese Ehre 1829 gewährt wurde, sicherte sie sich 1831 ihr unverwechselbares Markenzeichen beim Rat der Gewerbeverständigen in Köln. Gleichzeitig expandierte sie strategisch und eröffnete Vertriebsstellen in Bonn, Aachen und Berlin.
Die Grundlagen für den selbständigen Auftritt des Markenklassikers legte die Gründerin also selbst mit ihrer Entscheidung, das 1829 zugesicherte preußische Wappen werblich im Verpackungsdesign einzusetzen. Damals konzentrierte sich die Markenwerbung ausschließlich auf die Primärverpackung. Und so ziert das preußische Wappen bis heute jede Flasche des Klosterfrau Melissengeist – ein Zeugnis dieser frühen und bis heute erfolgreichen Markenstrategie. Die schlanke Form des Flakons leitete sich von den damals vorherrschenden Glas-Phiolen ab, die für teure Güter (Parfums etc.) gebräuchlich waren. Ungewöhnlich und ohne Beispiel war seinerzeit die Ausführung des Verschlusskorkens mit einem eigens integrierten Korkenzieher als Öffnungshilfe: ein Vorläufer des modernen „Convenience“-Gedankens schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Umverpackung mit Signalwirkung
Es sollten fast hundert Jahre vergehen, bis eine weitere Idee im Verpackungsdesign den Markencharakter und die selbstähnliche Erscheinungsform des Produkts maßgeblich mitbestimmte. Als genialer Glücksgriff erwies sich die Einführung des ikonischen Markenzeichens, das 1923 offiziell eingetragen wurde: drei Nonnen unter einem gotischen Spitzbogen. Ab dem Jahr 1924 begleitet das Motiv die unverändert belassene Glasverpackung des Melissengeist als Umverpackung (Schachtel).
Durch die blaue Farbe dieser Kartonagen entstand vor rund 100 Jahren die zweite ikonische Komponente des Markenauftritts. Das Markenzeichen mit den Nonnen unter dem Spitzbogen, das nochmals an die Herkunft der Unternehmensgründerin aus der klösterlichen Heilkunde erinnert, prägt fortan das Erscheinungsbild aller Klosterfrau-Produkte und wird zu einem der bekanntesten Signets der deutschen Gesundheitsbranche. Im selben Zeitraum führte auch die ab 1912 vermarktete Hautcreme „Nivea“ die blaue Farbe in ihrem Markenauftritt ein (1925). Klosterfrau Melissengeist fand nur ein Jahr zuvor zu seiner blauen Farbe. Beide Marken entwickeln sich in dieser Farbe zu Ikonen.
Von Beginn an hatte „Klosterfrau Melissengeist“ den Markt demnach als echter Markenartikel betreten. Dessen „Selbstähnlichkeit“, wie es die Experten nennen, legt Zeugnis von einem beispielhaften Beharrungsvermögen ab, das über einen Zeitraum von nunmehr zweihundert Jahren am Markt weltweit wohl einmalig sein dürfte.